Vom ursprung der schrift

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Vom Ursprung der Schrift

Von Denise Schmandt-Besserat

 

Vorwort: Von Lluís Maria Xirinacs i Damians

Lizenz: © Denise Schmandt-Besserat

(Spektrum der Wissenschaft. Dezember, 1978, S. 4-13.)

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Vorwort

Denise Schmandt-Besserat, renomierte französische Archäologin erhielt ein grosszügiges Stipendium einer legendären, gut ausgestatteten Universität jenseits des Atlantiks. Das Stipendium wurde ausgegeben um den Ursprung der Schrift zu finden. Man ging bisher davon aus, das die Herkunft im Nahenosten zu finden war, rund um die zahlreichen Wasserscheiden des Euphrat und Tigris, 4000-3000 v. Chr. Die Schrift war ein so wirkungsvolles Mittel um Informationen weiter zu geben, dass sein Auftauchen unser historisches Wissen revolutionierte. Hier finden wir auch die grosse Bedeutung der archäologischen Forschung.

Schmandt-Besserat besuchte wärend der 60.-70. Jahre schwer forschend die heutigen Länder Iran, Irak, Türkei, Syrien, Jordanien und Israel. Wir wissen, das alphabetisches Schreiben Buchstabe um Buchstabe aus den Jahren 1500-1000 v. Chr. stammt. Vor dieser Zeit finden wir die Silbenschrift und davor die Zeichen- oder Bilderschrift namens Ideogramm. Stark symbolisierte Bilder. Diese Art der Schrift scheint die älteste Aller zu sein und findet sich schon 4000-3000 v. Chr. in Mesopotamien. Aber unsere bedeutende französische Archäologin zeigt uns mit ihren überraschenden Ausgrabungen ein Fundstück was uns die Anfänge der einfachen Schrift auf 8000-7000 v. Chr. zurück gehen lässt.

Die Archäologen vor Ihr hatten schon gelöcherte Tonstücke gefunden, die zum Aufreihen zu Ketten gedacht waren um die Hälse, Handgelenke und Knöchel der primitiven Frau zu schmücken. Es handelte sich um Dreiecke, Kreise, Kugeln und Kegel zum Aufziehen. Sie aber zeigt uns überzeugende Übereinstimmungen zwischen den unterschiedlichen Tonfiguren und den damaligen Handelswaren auf, Schafe, Ziegen, Rinder, Weizen, Öl, Wein usw. Und stellt die Hypothese auf, das diese einfachen Tonfiguren die ersten Münzen der Geschichte sind. Diese Münze ist eine „Notiz“, eine „Buchführung“, eine „tägliche Auflistung“ und das ist der Anfang der Schrift.

Zwischen den Jahren 6000-5000 v. Chr. finden wir grosse, hohle, geschlossene und versiegelte Tonkugeln. Im Inneren befinden sich „Münzen“ der verschiedenen Waren. Diese Kugeln waren die „Rechnung“ die zusammen mit den Waren von den Händlern der Karavanen von einer Stadt in die Andere transportiert wurden. Die dann bei erfolgreicher Ankunft dem Empfänger unter Zeugen auf dem öffentlichen Platz vor den Toren des Tempels übergeben wurden. Dieser überprüfte dann vor Ort die Übereinstimmung des Kugelinhaltes mit den gelieferten Waren. Ziemlich häufig war auf den Kugeln das verzeichnet, was sich in ihrem Inneren verbarg. Eine grosse Anzahl dieser Kugeln wurde von Denise Schmandt-Besserat gefunden.

Später benutzte man diese Kugeln nicht mehr. Sie verwandelten sich in die uns bekannten klassischen, platten Ziegelsteine oder Tontafeln der ersten Keilschrift ( in Form von Keilen). Diese Forscherin zeigt uns von Anfang bis Ende, die Evolution von den ersten, einfachen, geometrischen Figuren über die primitivsten Ideogramme bis hin zu der mit Hilfe der Ahle geschriebenen Keilschrift der Chaldäer. Die gelehrte Französin erfüllte den Auftrag der Amerikaner, den Ursprung der Schrift zu finden überraschte die Welt aber, als Sie gleichzeitig den Ursprung des Geldes fand.

Bis zum Neolithikum, 8.500-8000 v. Chr. benutzte man den Tauschhandel, du gibst mir zwei Sack Weizen und ich gebe dir ein Schaf. Dieses nennt man “Güteraustausch“ und macht das Geschäft wirklich schwierig. Man kann den Handel nur erfolgreich abschliessen, wenn man gleichzeitig jemanden findet der: a) das braucht, was ich übrig habe; b) das dieser Jemand das hat was ich brauche; und c) das Beide mit dem Wert der beiden Waren übereinstimmen. Das ist wahrlich schwierig und unterband die Entwicklung der Wirtschaft während Jahrtausenden. Die Münze führt den „Kommerzialismus“ ein, die mit einem angenommenen Wert, abstrakt und symbolisch, von Allen anerkannt und von der Obrigkeit geregelt, jedweden Warentausch zu jeder Zeit erlaubt.


Lluís Maria Xirinacs i Damians


Vom Ursprung der Schrift

Lange bevor die Sumerer in Mesopotamien die Schrift erfanden, gab es im westlichen Asien Buchhaltungssysteme, die unterschiedlich geformte Tonstücke als Symbole benutzten. Wahrscheinlich waren diese Symbole die Vorläufer der sumerischen Schrifitzeichen.


Wer erfand die Schrift? Es gibt Hinweise, daβ die Kunst des Schreibens von mehreren Völkern unabhängig und zu verschiedenen Zeiten entwickelt wurde. Chinesische Schriftzeichen können bis zu ihren Urformen im zweiten Jahrtausend vor Christo zurückverfolgt werden. Sie sind eingraviert in Schildkrötenpanzer oder Schulterblätter von Schafen erhalten geblieben. Die Schrift der Mayas entfaltete sich etwa tausend Jahre später in Mittelamerika. Sie bestand aus vielen Hieroglyphen und einigen einfachen Zeichen für die Zahlen. Beide Schriften sind trotz ihres Alters verhältnismäβig junge Entwicklungen. Schon im letzten Jahrhundert des vierten Jahrtausends vor Christo entwickelten die Bewohner der sumerischen Stadt-Staaten eine Schrift, die Zahlen, Pictogramme (das heiβt bildhafte Darstellungen von Objekten) und abstrakte Schriftzeichen umfaβte — zusammengenommen mindestens 1500 Symbole.

Im Stadt-Staat Uruk fanden deutsche Archäologen 1929 und 1930 zahlreiche beschriftete Tontafeln. Erstaunlicherweise waren sie alle gewölbt und nicht — wie unsere Schiefertafeln — flach. In feuchten Ton lassen sich Zeichen mit einem Holz-, Knochen- oder Elfenbeingriffel besonders leicht einprägen. Zahlen wurden mit dem stumpfen Ende des Griffels im Ton markiert. Alle anderen Zeichen, also die Pictogramme und die unseren Buchstaben vergleichbaren Schriftzeichen, ritzte man mit der Spitze des Griffels ein.

Archäologen und Sprachforscher nehmen gemeinhin an, daβ bildhafte Zeichen die Vorläufer abstrakter Schrift-Symbole sind. Die Tafeln von Uruk scheinen gegen diese Vermutung zu sprechen, denn der gröβte Teil der in ihnen enthaltenen Symbole hat abstrakten Charakter. Die wenigen leicht lesbaren Pictogramme stellen Tiere, wie Wolf und Fuchs, oder technische Entwicklungen, wie den Wagen oder den Hammer dar. Aus den wenigen Fragmenten, die sich bisher entziffern lieβen, geht hervor, daβ die Schreiber im wesentlichen geschäftliche Transaktionen und Landverkäufe aufgezeichnet haben: Am häufigsten treten die Zeichen für Brot, Bier, Schafe, Vieh und Kleidung auf.

Auch Schrifttafeln, die man später in anderen Teilen Mesopotamiens in den Ruinen von Privathäusern fand (die Tafeln von Uruk stammten aus einem Tempel), sind reich an abstrakten Zeichen und überraschend arm an Pictogrammen. Viele Forscher glauben daher, daβ man es bei all diesen Tontafeln mit Dokumenten einer späten Stufe der Schriftentwicklung zu tun hat (was sicher zutrifft) und daβ sich schriftliche Aufzeichnungen früherer Jahrtausende nicht erhalten haben, weil sie aus verderblichem Material (Papyrus, Pergament oder Holz) bestanden. Hier bin ich anderer Meinung. Ich glaube, daβ die Urformen der Schrift keineswegs verlorengegangen sind, sondern in unseren Museen noch heute in Augenschein genommen werden können.

Zwischen 1927 und 1931 wurden im Iran die Ruinen der Stadt Nuzi ausgegraben, die ihre Blütezeit im Jahr 2000 vor Christo hatte. Im Palast fand man ein aus dem Jahr 1500 vor Christo stammendes Text-Archiv. Etwa dreiβig Jahre nach den Ausgrabungen entdeckte ein Archäologe, daβ die Bewohner der Stadt ein Buchhaltungssystem benulzt hatten, das aus „Zählsteinen“ bestand. Im Zusammenhang mit den Steinen berichten die Texte von „Einzahlungen“, „Überweisungen“ und „Abhebungen“. Offenbar führte man also in doppelter Weise Buch, das heiβt, parallel zu den kunstvollen Keilschriftbelegen des Schreibers unterhielt die Palastverwaltung ein Archiv in greifbarer Form. Dort konnte man jedem Tier der Palastherde einen Zählstein von bestimmter Form zuordnen. Wurden im Frühjahr Tiere geboren, so fügte man passende Steine hinzu; wurden Tiere geschlachtet, so nahm man deren Steine fort. Die Entdeckung eines verschlossenen eiförmigen Tongefäβes (Bild 2), in dessen Oberfläche eine Liste von 48 Tieren graviert war, unterstützt diese These, denn beim Öffnen des Behälters fand man 48 Zählsteine. Wahrscheinlich beurkundeten die Schriftzeichen auf dem Gefäβ und die Zählsteine in ihm die Lieferung von Vieh von einem Palastdienst an einen anderen. Leider gingen die Zählsteine nach ihrer Entdeckung verloren.

Bei Ausgrabungen in Susa entdeckte ein Mitarbeiter des Louvre 1964 ein Buchhaltungssystem, das dem in Nuzi verwendeten glich, aber um, mehr als 1500 Jahre älter war. Die Behälter, in denen er die Zählsteine fand, waren hohle, aus Ton modellierte Kugeln (Bild 4). Der Entdecker nannte sie „Bullae“ (lat. bulla= Blase). Bis heute konnten fast siebzig solcher Gebilde ausgegraben werden. Sie enthielten aus Ton geformte geometrische Figuren: Kugeln, Scheiben, Zylinder, Kegel und Tetraeder. Der Fund von Susa ist so bedeutend, weil er zeigt, daβ Bullae und Zählsteine schon zur Zeit der frühesten Tafeln von Uruk in Gebrauch waren und wahrscheinlich noch sehr viel älter sind.

1969 begann ich, die Frühgeschichte der Ton-Verarbeitung im Nahen Osten zu untersuchen. Der Forschungsauftrag führte mich in die Museen vieler Städte der USA, Europas und des Nahen Ostens und — auf die Spuren der ersten Schrift. Neben den erwarteten Tonperlen, Ziegeln und Figuren entdeckte ich in den Museen Objekte, deren Existenz mir unbekannt geblieben war: Kleine Tongegenstände unterschiedlicher Form, unter ihnen Kugeln, Scheiben, Kegel, Tetraeder, Ovoide (eiförmige Körper), Dreiecke, Doppelkegel, Rechtecke, und unregelmäβig geformte Gegenstände, die nur schwer zu beschreiben sind (Bild 1).

Obwohl alle Objekte klein waren, erlaubten sie die Gliederung in zwei Gruppen: Es gab kleine Kegel von etwa einem Zentimeter Höhe und groβe, die drei bis vier Zentimeter maβen. Neben dünnen, etwa drei Millimeter starken Scheiben gab es solche, die bis zu zwei Zentimeter dick waren. Auβer vollen Kugeln fanden sich Halb-, Viertel- und Dreiviertel-Kugeln. Einigen Formen ergänzten einander. Viele Tonstückchen wiesen tiefe Linien auf, einige waren mit Tonkügelchen oder Spiralen bedeckt, andere trugen schwach eingedrückte kreisförmige Markierungen. Alle waren von Hand gefertigt worden. Um ihre Form zu erhalten, hatte man sie an der Luft getrocknet oder im Feuer gehärtet. Spuren einer besonderen Behandlung fanden sich nicht.

Überraschend war die weite Verbreitung dieser Tonstücke (Bild 6 und Bild 7). Sie wurden bei Ausgrabungen in Beldibi im Südwesten der Türkei, in Chan Daro im heutigen Pakistan und selbst am Nil nahe Khartum entdeckt. Am ergiebigsten waren Grabungen im etwa 8500 Jahre alten Jarmo im lrak. Man fand dort 1153 Kugeln, 206 Scheiben und 106 Kegel. Aus fast allen Grabungsberichten geht hervor, daβ die Tonstücke in Häusern an sehr vielen Stellen des Grabungsgebietes lagen. Oft waren sie über den Boden verstreut, aber es gibt auch Anzeichen dafür, daβ sie von anderen Gegenständen getrennt aufbewahrt wurden, denn in vielen Fällen lagen sie in Haufen von 15 oder mehr beisammen, und zwar immer in den Speicherräumen der Häuser.

Obwohl ich die Berichte über die Zählsteine von Susa kannte, blieb mir deren groβe Ähnlichkeit mit „meinen“ Objekten lange verborgen. Dann schien es unmöglich, eine Beziehung zwischen beiden Gruppen herzustellen, denn mindestens fünftausend Jahre trennten die Tonsymbole der Jungsteinzeit von den Zählsteinen aus Sua. Erst als ich meine Forschungen auf Tongeräte ausdehnte, die in der Zeit zwischen dem siebenten und vierten Jahrtausend vor Christo entstanden waren, bemerkte ich, daβ man gleichartige Tonformen offenbar in ganz Westasien seit dem neunten vorchristlichen Jahrtausend ununterbrochen bis zum zweiten Jahrtausend vor Christo benutzt hatte (Bild 5). Eine systematische Aufstellung aller Tonsymbole (Bild 8) ergab, daβ sie sich in etwa 15 Haupttypen und 200 Untertypen gliedern lassen. Die Untertypen unterscheiden sich durch ihre Gröβe, Markierung und Unterteilung (Kugel, Dreiviertelkugel, Halbkugel). Offenbar hat jede Form eine besondere Bedeutung. Einige scheinen Zahlen zu bezeichnen, andere repräsentieren bestimmte Objekte, insbesondere Waren. Wir sind hier aber gar nicht auf Vermutungen angewiesen, denn viele Zeichen auf den Tafeln von Uruk sind die getreuen zweidimensionalen Wiedergaben der Tonsymbole (Bild 8): Der kleine kegelförmige Eindruck für die Zahl 1, der kreisförmige Eindruck für die Zahl 10 und der gröβere, wiederum kegelförmige Eindruck für die Zahl 60 stimmen genau mit den Formen der entsprechenden Zählsteine überein: Kleiner Kegel, Kugel und groβer Kegel. Weitere Beispiele sind das Uruk-Zeichen für Schaf (ein Kreis mit einem Kreuz), das einem scheibenförmigen Tonsymbol mit eingeprägtem Kreuz entspricht. Um ein Kleidungsstück zu notieren, ritzten die Schreiber von Uruk vier parallele Linien in einen Kreis und ahmten damit ein altes Tonsymbol nach: Vier parallele Linien auf einer Scheibe. Ebenso stimmen die Zeichen für Metall und Öl überein, und noch deutlicher ist die Ähnlichkeit bei den Pictogrammen für Vieh, Hunde und Gefäβe. Auch viele bisher nicht entzifferte Schriftzeichen gleichen nach Form und Prägung den Tonsymbolen.

Es ist sicher kein Zufall, daβ die ersten Zählsteine in der frühen Jungsteinzeit auftreten, in einer Zeit also, in der die Gesellschaft der Jäger und Sammler zu Tierhaltung und Feldwirtschaft übergeht. Bis dahin unbekannte, mit der Lagerung von Vorräten und der Überwachung der Viehherden im Zusammenhang stehende Probleme waren wohl die Ursachen für die Entwicklung des ersten „Buchhaltungssystems“ der Geschichte.

Die ältesten uns bekannten Zählsteine stammen aus zwei Orten des Zagros-Gebirges im Iran: aus Tepe Asiab und Ganji-Dare Tepe. Die Menschen, die diese Stätten um 8500 vor Christo bewohnten, hielten Schafherden und haben wahrscheinlich auch schon mit Feldfrüchten experimentiert. Nebenher waren sie Jäger und SammIer. Ihre Zählsteine zeigen vielfältige Formen: Neben den vier Grundtypen Kugel, Scheibe, Kegel und Zylinder hatten sie Tetraeder, Ovoide, Dreiecke, Rechtecke, Spiralen und stilisierte Tierformen, und einige Steine waren mit Einritzungen und eingedrückten Markierungen versehen.

Während der Jungsteinzeit und der ihr folgenden Kupferzeit, einer Periode von insgesamt etwa 5000 Jahren, ändern sich die Zählsteine kaum, ein Beweis dafür, wie gut dieses System den Bedürfnissen der frühen Bauerngesellschaft entsprach. Funde aus Tepe Sarab, das seine Blütezeit um das Jahr 6500 vor Christo hatte, sind lediglich etwas formenreicher: Eine vierseitige Pyramide und ein stilisierter Ochsenschädel, der wahrscheinlich Vieh symbolisieren sollte, kommen hinzu. Auch die Zählsteine aus vier Orten, die zwischen 5500 und 4500 vor Christo in Blüte standen — Tell Arpatschija und Tell as-Sawwan im Irak sowie Chaga Sefid und Jaffarabad im Iran — lassen nur geringe Fortschritte erkennen: der Doppelkegel tritt auf, und in einigen Fällen hat man die Furchen und eingedrückten Zeichen durch aufgemalte schwarze Linien und Punkte ersetzt.

Erst das frühe Bronzezeitalter (zwischen 3500 und 3100 vor Christo) bringt deutliche Veränderungen des jetzt schon Jahrtausende alten Systems. Mit der Gründung der ersten Städte im westlichen Asien gehen handwerkliche Spezialisierungen und die Anfänge von Massenproduktionen einher. Wohl gaben die Bronzeschmiede der Epoche ihren Namen, aber auch andere Berufe entstanden in dieser Zeit. Mit der Erfindung der Töpferscheibe entwickelte sich eine Tonwaren-Industrie, die mit dem Ausstoβ ihrer Brennöfen weitverzweigten Handel trieb, und die vom Handel lebende Stadt-Wirtschaft stellte neue Anforderungen an die Buchhaltung. Produktion und Lagerbestände, Verfrachtungen und Lohnzahlungen muβten kontrolliert und registriert werden, und für die Kaufleute war es unerläβlich, die Belege ihrer Handelsaktionen aufzubewahren. Diese Erfordernisse haben das System der Zählsteine sowohl in seinen Symbolen als auch in deren Gebrauch stark verändert.

Aus sechs Städten des späten vierten Jahrtausends vor Christo im Irak (Uruk, Tello und Fara), im Iran (Susa und Chogha Misch) und in Syrien (Habuba Kabira) sind insgesamt 660 Zählsteine erhalten. Sie zeigen das ganze Spektrum der frühen Formen sowie einige neue Formen, unter ihnen parabelförmige Körper (ähnfich einem Zuckerhut), Rhomben und Nachbildungen von Gefäβen. Auffälliger ist die Vielfalt der Gravierungen in den Zählsteinen. Sie weisen parallele Linien, Kreuzmuster oder querlaufende Markierungen auf. Am häufigsten sind Muster, aus einem, zwei, drei oder fünf Strichen. 26 Zählsteine tragen kreisförmige, Markierungen. Einige haben nur einen Eindruck, anderen dagegen sechs in einer Reihe oder je drei Eindrücke in zwei Reihen. Auch die ersten Zählsteine mit aufgelegten Mustern stammen aus dieser Zeit: sie sind mit Perlen oder Spiralen aus Ton verziert.

Bedeutend ist, daβ 198 Zählsteine durchbohrt sind. Die Löcher sind so fein, daβ man heute nur einen dünnen Draht hindurchziehen kann. Viele Forscher sehen damit ihre These bestätigt, daβ die Zählsteine eben doch nur Amulette waren, die von den Bewohnern des westlichen Asiens um Hals und Handgelenk getragen wurden. Ich halte diese Interpretation aus zwei Gründen für falsch. Zum einen weist keiner der von mir untersuchten Zählsteine Merkmale auf, die sich beim Tragen eines Amuletts bilden müssen: Sie sind weder abgeschliffen noch ist ihr Loch erweitert. Zum anderen scheint die Annahme absurd, daβ diese Vielfalt an Formen, geographisch weit verbreitet und überall von erstaunlicher Gleichheit, zu Schmuckzwecken gefertigt worden ist. Auch könnte die Schmuck-These nicht die Existenz der unperforierten Zählsteine erklären. Ich glaube, daβ man die Steine durchbohrt hat, um sie nach Abschluβ einer geschäftlichen Transaktion zu „Akten“ bündeln zu können. Dem gleichen Zweck dienten offenbar auch die hohlen Tonkugeln (Bullae), die man in Susa fand (Bild 4) und die ungefähr aus der gleichen Zeit stammen: In den aus Tonklumpen geformten und mit flachen Tonscheiben verschlossenen Behältern bewahrte man die Zählsteine einzelner Geschäftsabschlüsse auf. Nach sumerischem Brauch wurde ein Handel erst durch die Siegel, die „Unterschriften“ der Parteien gültig. Tatsächlich tragen die meisten der bisher gefundenen 350 Hohlkugeln die Eindrücke zweier Siegel. Die Kugeln konnten auch als Frachtbriefe dienen. Gab etwa ein ländlicher Tuchfabrikant einer Sendung seiner Ware an einen Kaufmann in der Stadt eine versiegelte Bulla mit, so hatte er die Möglichkeit, anhand der Zählsteine, die er in die Bulla legte, Art und Umfang der Lieferung zu beschreiben. Da es dem Spediteur oblag, eine unversehrte Bulla abzuliefern, konnte er unterwegs nicht einen Teil der Ware verschwinden lassen, denn der Empfänger brauchte die Tonkugel nur zu öffnen, um sich von der Vollständigkeit der Sendung zu überzeugen. Da aber das Siegel auf der Bulla Ausdruck für die Gültigkeit des Geschäftsabschlusses war, durfte es nicht gebrochen werden. Wie konnte der Empfänger dann feststellen, welche und wieviele Zählsteine die Kugel enthielt? Das war ein Problem, aber die Lösung lieβ sich offenbar leicht finden: Man drückte die Zählsteine in der Oberfläche der Bulla ab, solange diese noch weich war und bevor man die Steine ins Innere der Kugel tat. So war der Bulla schon von auβen anzusehen, was sie enthielt, und man brauchte die Siegel nicht zu zerstören, um den Frachtbrief zu „lesen“.

Eines der schönsten Beispiele dafür ist eine unversehrt ausgegrabene Bulla, die sechs mit Furchen versehene Ovoide als Zählsteine enthielt. Jeder dieser Steine war in die Oberfläche der Kugel eingedrückt worden, bevor er in den „Umschlag“ kam, und noch heute passen die Steine genau in diese Vertiefungen. Allerdings hat man den Inhalt einer Bulla nicht immer auf diese unmittelbare Weise gekennzeichnet. Die meisten Kugeln tragen auβen vielmehr Zeichen, die mit dem Daumen oder mit einem Griffel in den weichen Ton gedrückt wurden, wobei eine runde Vertiefung einer Kugel oder einer Scheibe entsprach und ein Dreieck einem Kegel.

Die Entwicklung dieser Inventarlisten hat dann einen Verlauf genommen, den ihre Schöpfer wohl kaum vorhersehen konnten: Zunächst setzte sich die Neuerung durch, weil sie praktisch war. Jeder konnte „lesen“, welchen Inhalt eine Bulla hatte. Dann aber traten die Abbildungen allmählich an die Stelle ihrer Originale, und darin besteht vermutlich der Übergang vom Buchhaltungssystem zur Schrift. Als nächstes wurden die hohlen Tonkugeln von massiven Tonobjekten abgelöst: Tontafeln kamen in Gebrauch. Wahrscheinlich leitet sich die gewölbte Form der frühen Tafeln von Uruk aus der Form der Bullae ab (Bild 10). Auch die Tatsache, daβ die Sumerer auf Ton schrieben, dürfte so zu erklären sein, denn an sich sind Tontafeln nicht gerade als Schriftträger prädestiniert. Zwar lassen sie sich leicht gravieren, solange der Ton weich ist, aber dann muβ das Material an der Sonne oder im Feuer härten, ehe es als dauerhaftes Dokument gelten kann.

Vieles spricht also dafür, daβ die frühen Formen der Schrift, wie sie uns aus Mesopotamien überliefert sind, nicht einfach erfunden wurden, sondern sich allmählich aus einem Buchhaltungsverfahren entwickelten, das vor etwa 11000 Jahren im westlichen Asien entstand. Bis ins vierte vorchristliche Jahrtausend blieb das System der Zählsteine im wesentlichen unverändert, denn seine Leistungen entsprachen den geringen Ansprüchen der frühen Agrargesellschaften. Erst die Gründung von Städten und die damit einhergehende Entwicklung weitverzweigter Handelsbeziehungen machten Verbesserungen notwendig. Das Bild des Zählsteins ersetzte dessen physische Gegenwart, und damit war der entscheidende Schritt zur Erfindung der Schrift getan.


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